Erziehen ohne Strafen – warum Beziehung wichtiger ist als Gehorsam
Hausarrest, Medienentzug, Süßigkeitenverbot.
Viele Eltern greifen zu Strafen, obwohl sie es eigentlich nicht wollen. Nicht, weil sie an Strafen glauben – sondern weil sie im Moment nicht anders können.
Danach kommen die Schuldgefühle. Denn eigentlich wissen wir: Strafen sind alles andere als pädagogisch wertvoll.
Aber was ist die Alternative? Wie lernen Kinder, sich an Regeln und Strukturen zu halten, ohne sie zu bestrafen?
Was Strafen Kindern tatsächlich vermitteln
Eine Strafe ist eine Machtdemonstration. Sie ist Ausdruck eines Machtgefälles: Ich entscheide, was richtig ist – und was die Konsequenz dafür ist.
Strafen sind zudem immer willkürlich. Eltern stellen vielleicht einen vermeintlich logischen Zusammenhang zwischen Verhalten und Konsequenz her, tatsächlich existiert dieser Zusammenhang aber meist nur in den Köpfen der Erwachsenen.
Für das Kind fühlt sich jede Form von Strafe erniedrigend an. Es ist eine Demütigung, die vermittelt: Ich bin nicht richtig. Ich bin machtlos.
Warum Strafen so verführerisch sind
Das große Problem bei Strafen ist allerdings: Sie sind effektiv. Zumindest vordergründig. Das Kind ordnet sich unter, weil es weiß, dass es letztlich von den Eltern abhängig ist.
Damit beginnt jedoch eine gefährliche Spirale. Zum einen müssen Strafen mit der Zeit immer härter werden, um ihre abschreckende Wirkung nicht zu verlieren.
Zum anderen funktioniert diese Strategie immer schlechter, je unabhängiger das Kind oder der Jugendliche wird. Während die Strafe kurzfristig „wirkt“, wird das Kind immer besser im Täuschen, Lügen und Umgehen von Konsequenzen. Am Ende leidet die Eltern-Kind-Beziehung: Die Vertrauensgrundlage bröckelt – und damit auch die Verbindung.
Strafen verschaffen kurzfristig Ruhe, kosten aber langfristig Beziehung.
Wie Kooperation ohne Drohungen entstehen kann
Eltern, die es gewohnt sind, Strafen auszusprechen, können sich oft kaum vorstellen, wie Erziehung ohne funktionieren soll. Ein einfacher Vergleich kann hier helfen:
Wie gelingt es in Beziehungen mit anderen Erwachsenen – etwa mit dem Partner oder mit Freunden –, Vereinbarungen zu treffen?
In solchen Beziehungen funktioniert Kooperation meist ohne Drohungen oder Strafen. Nicht, weil Erwachsene per se vernünftiger wären, sondern weil die Grundlage eine andere ist: Die Beziehung ist (im Idealfall) nicht hierarchisch, sondern geprägt von gegenseitiger Unterstützung und der Annahme, dass man füreinander da ist.
Und davon, dass es Gründe gibt, wenn Vereinbarungen nicht eingehalten werden.
Diese Grundlage ist auch in der Eltern-Kind-Beziehung möglich.
Wenn ein Kind abends immer wieder nicht ins Bett gehen will, geht es selten um „Ungehorsam“. Oft steckt ein unerfülltes Bedürfnis dahinter – nach Nähe, nach Selbstbestimmung oder der Tag war schlicht zu voll und das Nervensystem ist noch nicht heruntergefahren.
Raus aus dem Teufelskreis von Drohungen und Strafen
Um aus dem Teufelskreis von Drohungen und Strafen auszusteigen, braucht es manchmal ein grundlegendes Beziehungs-Reset. Das ist alles andere als leicht. Es braucht Zeit, um verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen.
Dabei geht es nicht um einfache Verhaltensrezepte („Was sage ich, wenn mein Kind XY tut?“), sondern um ein Hinterfragen der inneren Haltung.
Haltung bestimmt Handeln. Deshalb ist es wichtig, sich ehrlich mit Fragen auseinanderzusetzen wie:
Was bedeutet Macht für mich in Beziehungen?
Wie gehe ich mit eigener Machtlosigkeit um?
Welches Menschenbild habe ich von Kindern?
Wie möchte ich Kinder sehen?
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen kann schmerzhaft sein und vielleicht ist nicht unmittelbar sichtbar, warum sie so wichtig ist.
Gerade in Phasen persönlicher Veränderung wirkt das eigene Verhalten manchmal auch widersprüchlich oder erratisch. Auf der Suche nach einem neuen inneren Kompass kippt man leicht von einem Extrem ins andere – und gibt irgendwann entmutigt auf, weil sich nicht sofort etwas verändert.
Wenn du dich hier wiedererkennst: Du bist damit nicht allein. In solchen Phasen kann es hilfreich sein, sich professionell begleiten zu lassen.
Gerade bei älteren Kindern spricht auch nichts dagegen, den eigenen Lernprozess offen zu benennen:
„Ich versuche gerade herauszufinden, wie wir gut zusammenleben können, ohne Drohungen oder Strafen. Das ist eine große Umstellung für mich, aber ich gebe mein Bestes.“
Der schwierigste Teil: die eigene Haltung zu verändern
Kinder sind keine unfertigen Menschen, die geformt und diszipliniert werden müssen. Sie sind eigenständige Individuen mit einer eigenen Würde – und machen, genau wie wir Erwachsenen, Fehler.
Um Kindern authentisch zu vermitteln, dass sie trotz dieser Fehler liebenswert sind, braucht es eine klare Priorität: Beziehung vor Gehorsam. Im Englischen gibt es dafür den Ausdruck Connection before Correction.
Erst wenn sich die Wogen geglättet haben und die Verbindung wiederhergestellt ist, wird es sinnvoll, problematisches Verhalten anzusprechen. Die Aufgabe von Eltern ist dabei nicht, zu belehren, sondern zu verstehen, was es dem Kind schwer gemacht hat, sich an eine Regel zu halten. Auf dieser Basis können gemeinsame Lösungen entstehen.
Diese Haltung verschiebt den Fokus vom Fehler hin zur Wiedergutmachung:
Was können wir tun, um eine gute Lösung zu finden?
Was sich verändert, wenn Kinder sich sicher fühlen
Mit dieser Haltung leben wir Eltern eine konstruktive Form von Konfliktlösung vor. Es geht nicht darum, dass sich eine Person über die andere stellt, sondern darum, gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Dieses Vorleben ist deshalb weit wirksamer als jede Ermahnung, Drohung oder Strafe.
Gleichzeitig erleben Kinder Beziehung als etwas Sicheres. Sie müssen nicht permanent fürchten, dass Fehler zu Liebesentzug oder Beziehungsabbruch führen. Das macht sie insgesamt kooperativer – weil sie nicht ständig um ihre Würde kämpfen müssen.
Die entscheidende Frage ist nämlich nicht: „Wie bringe ich mein Kind dazu, zu funktionieren?“
Sondern:
„Wie können wir miteinander in Verbindung bleiben – auch dann, wenn es schwierig wird?“
Photocredit: @tingeyinjurylawfirm via Unsplah